Menschen in unserer Gemeinde

Die Menschen in unserer Gemeinde sind so bunt wie der Kiez in dem wir uns befinden. Alt und jung, Frauen und Männer, Mitarbeitenden und ehrenamtlich Tätige stellen sich vor und geben einen Einblick in unsere Gemeinde.

Antje Weißbrich

Liebe Antje, was machst Du beruflich?
Ich bin seit 20 Jahren Hebamme. Ich arbeite freiberuflich und betreue Frauen in der Schwangerschaft, unter der Geburt und im Wochenbett, also rundum die Geburt. Ich treffe Schwangere zum Vorgespräch, berate, begleite bei Vorsorgeuntersuchungen, mache Wochenbettbesuche zwischen den ersten anderthalb und sechs Wochen. Wenn sich ein Kind auf den Weg macht und das Telefon klingelt, muss ich alle Pläne umwerfen. Dann geht das Neugeborene vor. Das ist der spannende Teil. Die Freiberuflichkeit der Hebamme wird von der Rufbereitschaft bestimmt. Ich bin immer auf Abruf.
Was ist der schönste Moment bei der Arbeit?
Die Geburt natürlich. Der Moment, wenn das Kind auf die Welt kommt. Ich verbringe gut acht, neun Monate mit den Familien. Ich lerne sie früh kennen und betreue sie, bis die Kinder drei, vier Monate alt sind. Die Geburtshilfe und Begleitung von Geburten ist das Herausragende dabei. Es gibt immer wieder Situationen, die sehr aufregend sind, manchmal sehr anstrengend, und nicht immer einfach. So schön eine Geburt sein kann, so belastend und traurig ist es auch, wenn Situationen nicht so optimal verlaufen. Das ist der Grund, weshalb ich seit drei Jahren an Ostern nicht mehr arbeite, weil ich vor vier Jahren vier Geburten über die Feiertage hatte. Ich war an Karfreitag im Krankenhaus verschwunden, und kam, mit kleinen Unterbrechungen, am Dienstag nach Ostern wieder raus. So was ist irre anstrengend, ich merke auch, je älter ich werde, desto anstrengender wird es.

Wie vereinbarst Du Beruf und Familie?
Freiberufliche Hebamme kann man nur sein, wenn man dazu den passenden Partner hat. Und den habe ich! Wenn es piept, muss ich los, selbst wenn wir den spannendsten Film im Kino sehen. Ich kann nur meinen Beruf ausüben, weil mein Mann Christoph eine Zeit lang weniger gearbeitet hat, und viel mit unseren beiden Kindern gemacht hat. Wir wohnen direkt am Kotti. Hannah ist 16 Jahre alt, und Yannis ist gerade 11 geworden. Die Familie muss sich sehr auf meinen Beruf einstellen. Das führte schon zur Überlegung, wie lange ich die Rufbereitschaft noch machen kann oder will. Die Frage nach einem zweiten beruflichen Standbein ist immer wieder Thema.

Welche anderen Berufsvorstellungen gab es?
Nach dem Abi wollte ich entweder Germanistik und Geschichte studieren oder Hebamme werden. Nach dem Praktikum bei einer Hebamme war mir klar: Das ist mein Beruf! Eigentlich hatte ich auch mit dem Gedanken gespielt, Theologie zu studieren, bin aber bald davon abgekommen, weil ich nicht mal das Latinum hatte, und nicht so sprachbegabt war. übrigens kenne ich noch eine Hebamme in Berlin, die auch einmal Theologie studieren wollte, und die heute hin und wieder ihre Mittagspause im schönen St. Jacobi-Garten macht.

Beim Stichwort St. Jacobi fällt mir ein: Du singst in der Kantorei...
Ich singe seit der Gründung der Kantorei im Jahr 2016 mit und bin seit letztem Herbst Vorsitzende des Fördervereins Kirchenmusik in Kreuzberg Mitte. Damals hatte ich das tatsächlich im Boten gelesen, dass sich die Kantorei neu gründet. Ich wollte auch immer gerne mit meinem Mann zusammen im Chor singen. Dann stand da, dass das erste große Projekt das Weihnachtsoratorium von Bach sein soll. Wir waren sofort begeistert, und das Singen macht noch viel mehr Spaß, als ich vermutet hatte. Ich habe immer viel gesungen, war auch früher als Jugendliche im Kirchenchor. Aber diese Kantorei bertrifft alles. Singen war immer wichtig und immer Thema. Aber das Singen in der Kantorei ist der Hammer. Das ist sofort zu meinem Lieblingshobby geworden. Wir singen Stücke, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich das kann. Da sind so tolle Menschen - unser ganzer Freundeskreis hat sich dadurch erweitert. Das ist wirklich toll. Besonders zeigte sich das am Chorwochenende im März, Es hat so viel Spaß gemacht, dass wir im November schon wieder zusammen wegfahren. Wir habe ein riesiges Glück, dass Christoph unser Kantor ist.

Welche Erfahrungen mit Kirche hast Du noch gemacht?
Ich komme aus Mainz. Dort war ich beim Verein Deutsche Reform-Jugend e.V., Gruppe Mainz-Wiesbaden, eine Art Pfadfinder. Die Bündische Jugend kommt aus der Lebensreformjugend und aus der Wandervogelbewegung der 20er Jahre. Der Leitsatz war „Ehrfurcht vor dem Leben“ des Theologen Albert Schweitzer. Es war eine biologische Bewegung. Wir bekamen damals schon Lebensmittelspenden aus den Reformhäusern. Wir trafen uns wöchentlich und fuhren zu kleineren Regionaltreffen mit anderen Kindern und Jugendlichen. Das Highlight war ein Bundestreffen an Silvester, das wir mit bis zu 250 Leuten auf einer Burg feierten. Wir organisierten auch Sommerlager für Kinder und andere Großfahrten. Da wurde immer gesungen: Gitarre, Liederbuch, und los geht’s. Auch zuhause singen wir heute noch viel mit den Kindern. Christoph spielt Gitarre. Meinen Mann habe ich bei der Bündischen Jugend kennengelernt. Er wohnte in Wiesbaden. Wir kennen uns seit 1991 und sind seit 1995 ein Paar. Nächstes Jahr sind es 25 Jahre!

Was verbindet dich noch mit Kirche und Gemeinde?
Die Menschen! Außerdem halte ich mich gerne in Kirchen auf. Im Urlaub besuchen wir gerne Kirchen, egal in welchem Land wir gerade sind, machen eine Pause, gucken was passiert, ob man sich ausruht, betet oder was auch immer. Ich finde das unglaublich beruhigend. Wir fahren dieses Jahr wieder nach Skandinavien. Dort sind die Kirchen oft zugänglich. Wir besuchen Konzerte, hören die Orgel und lassen den Raum auf uns wirken. In skandinavischen Kirchen gibt es oft Kinderecken. Da können die Kinder malen und basteln, während sich die Eltern erholen. Aufler den Kirchen ist es die Gemeinschaft und das gemeinsame Feiern der Gottesdienste, Sommerfeste und Adventsbasare.

Gibt es noch eine Leidenschaft aufler Singen, Reisen und Familie?
Ich lese sehr viel und sehr gerne. Das Buch, das ich bisher am häufigsten gelesen habe, heißt „Drei Männer im Schnee“, von Erich Kästner. Es ist eines seiner Bücher für Erwachsene und wurde 1955 verfilmt. Ich mag, wie Kästner schreibt. Natürlich habe ich auch das Doppelte Lottchen geliebt. überhaupt mag ich sehr den Humor von Kästner. Bei den Drei Männern geht es um einen Großindustriellen, der unter falschem Namen an einem Gewinnspiel seiner eigenen Firma teilnimmt. Prompt erzielt er den zweiten Preis: Ein Luxusurlaub in einem Nobelhotel. Dort trifft er einen Arbeitslosen, der den ersten Preis gewonnen hat. Das führt zu Verwechslungen. Dieses Buch lese ich einmal im Jahr, immer wenn der Winter kommt. Aber bis dahin ist es ja noch eine Weile.

Liebe Antje, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Pfarrer Christoph Heil.

Bine Endruteit

Liebe Bine, du warst zum Reformationsjubiläum 2017 beim Abschluss-Gottesdienst des Kirchentages in Wittenberg und hast dort auf der Elb-Festwiese unter freiem Himmel übernachtet. Was war das für ein Erlebnis?
Für mich war das der erste Kirchentag, den ich je erlebt habe. Ich hatte vorher bereits den Stand unserer Gemeinde auf dem Straßenfest mit betreut und die Messe besucht, aber die besondere Stimmung in Wittenberg hat mich dann nochmal besonders gepackt mit den Taizé-Gesängen am Abend. Die große Masse der Menschen, die sich getroffen hat und ganz selbstverständlich liebevoll miteinander umgegangen ist, das ist etwas besonderes gewesen. Unter dem Sternenhimmel zu übernachten ist noch einmal ein anderes Gefühl der Gemeinschaft. Wenn man morgens in der Morgendämmerung durch schöne ruhige Klänge geweckt wird, dann ist das ein besonderes Erlebnis, da entsteht ein Gruppengefühl, das nicht mit Worten zu beschreiben ist.

Seit 2016 bist Du Mitglied im Gemeindekirchenrat. Wie gefällt dir die Arbeit in der Gemeindeleitung?
Es war ganz neu für mich, in einer Gemeinde einen so wichtigen Verantwortungsposten mit zu übernehmen. Um so dankbarer war ich dafür, so freundlich und hilfsbereit von allen aufgenommen zu werde. Wenn es in der Anfangszeit viele Unklarheiten bei mir gab, lautete die Devise immer: Blöde Fragen gibt es nicht. Wir sind eine sehr vielseitige Gruppe, in der sich alle Facetten der Gemeinde wiederfinden.

Was machst du beruflich?
Ich bin Kunsthandwerkerin und arbeite selbstständig bei mir zuhause. Mehrmals im Jahr verkaufe ich die hergestellte Ware auf verschiedenen Märkten und Conventions. Ich stelle Schmuck her, habe neuerdings das Gießen von Seife für mich entdeckt und was natürlich immer besonders gut ankommt, ist meine Zauberstab-Fabrik.

Was sind das für Zauberstäbe?
Ich habe eine große Leidenschaft für Fantasy und Science-Fiction. Dazu gehören Filme, Comics, Romane und Kunst. Es gibt jedes Jahr ein großes Harry-Potter-Event in Berlin, inklusive einer Winkelgasse, das ist die große Ladenzeile in der Potter-Welt. Dort habe ich einen Stand, bei dem ich selbst hergestellte und designte Zauberstäbe für kleine und große „Zauberer und Hexen“ anbiete. Jeder Stab ist einzigartig und wird aus Holz, einer handgefertigten Modelliermasse, Acrylfarbe und viel Liebe hergestellt.

Wie bist du zum Glauben an Gott gekommen?
Mit Kirche und Gemeindeleben habe ich schon sehr früh Kontakt gehabt. Meine erste Verbindung zu Gott habe ich meiner Mutter zu verdanken. Ich hatte als Kind eine Stoffpuppe, die zwei Gesichter hatte, ein schlafendes und ein waches. Aber als Kind habe ich das so nicht gesehen, weil das meine Bete-Puppe war. Das schlafende Gesicht war für mich das betende Gesicht. Vorm Schlafengehen hat sich meine Mutter mit mir zusammengesetzt, ich hielt mit meinen Händen die Hände der Puppe zusammen und dann wurde ein Abendgebet gesprochen. Viele Jahre später habe ich meine Bete-Puppe mit all meinen Stofftieren weiter verschenkt, aber immer wieder an sie gedacht. Die emotionale Bindung was sehr intensiv, was mir erst klar wurde, als es die Puppe nicht mehr in meinem Leben gab. Aber eines Tages war ich in einem Second-Hand-Laden und konnte kaum glauben, wer mir da aus dem Regal entgegen schaute: meine Bete-Puppe! Unter Tränen habe ich sie gekauft, und jetzt ist sie wieder bei mir.

Wie hat sich dein Interesse für Spiritualität weiter entwickelt?
Das ging ganz klassisch mit der Konfirmation los. Danach habe ich in meiner Heimatgemeinde in Duisburg-Walsum einige Jahre Jugendarbeit gemacht und Freizeiten betreut und bin schließlich nach Berlin gezogen. Hier hat es lange gedauert, bis ich mich wieder in einer Gemeinde zuhause gefühlt habe. Unsere evangelische Gemeinde in Kreuzberg-Mitte habe ich mir ganz bewusst ausgesucht. Ich mag die Offenheit und Vielfältigkeit, die wir hier leben. Außerdem habe ich viel Freude am Lesen von Literatur zu theologischen Fragen entwickelt, also Bücher die mit dem (christlichen) Glauben zu tun haben. Zum Beispiel hatte mich Dietrich Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ (1992) interessiert, nachdem in der Predigt aus seinen Werken zitiert wurde. Ich habe einige Publikationen, die zum Reformationstag erschienen sind, gelesen, auch eine Biografie zu Luther. „Aus, Amen, Ende?“ (2017) des katholischen Pfarrers Thomas Frings, der, salopp gesagt, gerade von der Anspruchshaltung gegenüber Gemeinden und der Kirche die Schnauze voll hat, ist ein Buch, dass mich ebenso neugierig machte wie Manfrad Lütz' „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ (2007). Ich erarbeite mir viel Verständnis durch das Bibellesen und Nachschlagen in theologischen Wissensbüchern. Zum Beispiel habe ich die eigentliche Bedeutung von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ entdeckt: Dabei geht es nicht um Vergeltung, sondern gerade um ein Ende des Teufelskreises zwischen verfeindeten Familien.
Und ich kann nur jedem empfehlen Gemäldegalerien zu besuchen. Die vielen christlichen Motive können die Menschen anrühren und erzählen auf ihre ganz eigene Art religiöse Geschichten.

Was ist deine Lieblingsfarbe? Lass mich raten: Pink!
Nein, das ist Lila!

Aber du trägst doch Pink! Und Lila. Und Schwarz.
Außerdem hält pinke Haarfarbe viel länger als lilane! *lacht*

Dann bist du ja mit Haut und Haaren evangelisch!? Violett ist schließlich die Erkennungsfarbe der Protestanten...
Ja, ich kann mich ganz wunderbar mit dem Corporate Design identifizieren. Offen evangelisch geoutet. Und das ist gut so!

Das Gespräch führte Pfarrer Christoph Heil

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