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Menschen in unserer Gemeinde

Die Menschen in unserer Gemeinde sind so bunt wie der Kiez in dem wir uns befinden. Alt und jung, Frauen und Männer, Mitarbeitenden und ehrenamtlich Tätige stellen sich vor und geben einen Einblick in unsere Gemeinde.

Hildegard Jaeckel

Liebe Hildegard, Du gehörst zu den ersten Bewohnerinnen der Otto-Suhr-Siedlung. Wie kam es dazu?

Ich wurde in Britz geboren und bin dort aufgewachsen. In der Britzer Dorfkirche (Foto S. 23) wurde ich auch konfirmiert. 1957 zog ich mit meinen Eltern in die Kommandantenstraße. Für mich war das damals furchtbar: Aus dem schönen grünen Britz ins völlig zerstörte Kreuzberg! In Britz hatten wir ein schönes großes Gartenhaus. In der Otto-Suhr-Siedlung lebten wir in einem Neubau, mitten in der Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit. Ich erinnere mich gut an die Ruinen in der Oranienstraße gegenüber der St. Jacobi-Kirche, am Moritzplatz und in der Ritterstraße - alles lag in Trümmern.

Wie ging es dann weiter?

Nach unserer Heirat 1962 zogen mein Mann und ich in unsere erste eigene Wohnung im Wedding. Hier wurde ein Jahr später unsere erste Tochter Sylvia geboren. Schon drei Jahre später, am 7. Juni 1965 zogen wir wieder zurück nach Kreuzberg – diesmal in die Oranienstraße. Das Datum kann ich mir gut merken, denn es war der erste Geburtstag unserer Zwillinge, Dietmar und Sabine. Plötzlich hatten wir drei Kinder.

Wie hast Du damals St. Jacobi erlebt?

In St. Jacobi habe ich seit 1957 alle Pfarrer miterlebt. Pfarrer Radicke hat uns getraut. Unsere Kinder wurden von Pfarrer Nitsch und Pfarrer Gülzow konfirmiert. Bei Andreas Ehling, damals noch zuständig für die Jugendarbeit, waren unsere Kinder in der Sportgruppe. Sabine spielte Handball. Dietmar spielte Volleyball und lernte im Gemeindehaus Gitarre. Die Zwillinge spielten täglich im Jacobi-Garten. Später tanzten sie freitags in der Disco im Jacobi-Keller, die war ja ein „Muss“. So wussten wir immer, wo die Kinder sind: In St. Jacobi waren sie gut aufgehoben! Meine eigene innere Beziehung zu St. Jacobi entwickelte sich erst viel später, nachdem ich in Rente ging. Vorher hatte ich keine Zeit. Seit meinem Renteneintritt 2003 bin ich Mitglied in der Senioren-Gymnastikgruppe der Gemeinde.

Was hast Du beruflich gemacht?

Ich war Elektrohausgeräte-Fachverkäuferin. Angefangen hatte ich bei „Radio Roszka“. Die alt-eingesessenen Kreuzberger werden sich an das Geschäft erinnern. Den Laden gibt es heute noch direkt gegenüber St. Jacobi neben dem Supermarkt. Zuerst hatte ich dort nur geputzt. Dann stieg ich mehr und mehr in den Verkauf mit ein, und so kam ich zu meinem Beruf. Als Herr Roszka den Laden an Herrn Krüger verkaufte, wechselte ich ins Elektrohaus Mariendorf. Dort blieb ich bis zur Rente, und wenn ich heute irgendetwas brauche, fahre ich immer noch zu meinen alten Kollegen nach Mariendorf.

Womit hast Du Deine Freizeit verbracht?

Meine Kindheitserinnerungen haben mich wieder nach Britz geführt: Dort hatte ich knapp 40 Jahre lang einen Garten. Das Grundstück war 1981 noch ein Stück Brachland mit zwei alten Obstbäumen. Aus diesem Nichts habe ich einen wunderschönen Garten geschaffen. Knappe 300 qm – das war viel Arbeit! Wir hatten eine schöne Zeit. Mein Herz schlägt für alles was blüht. So hatte ich vor allem Blumen. Und ein bisschen Gemüse. Für mich war der Garten mein zweites Wohnzimmer. Vor ein paar Jahren dachte ich dann: Alles hat seine Zeit. Man soll rechtzeitig aufhören, bevor man den Punkt erreicht, an dem alles zu schwer wird. Zwei Jahre lang habe ich mich damit auseinandergesetzt, bis es „klick“ gemacht hat und ich den Garten verkauft habe. Ich habe es keinen Tag bereut. Heute freue ich mich, wenn ich bei meinen Kindern im Garten bin, aber selbst möchte ich die Arbeit nicht mehr haben. Ein bisschen mache ich jetzt im Jacobi-Garten, so viel ich kann. Mario Kotzan ist mir eine große Hilfe. Und heute habe ich gesehen, dass die Dahlien noch blühen. Das macht mir Freude!

Deine Enkelkinder leben heute zum Teil in England. Wie kam es dazu?

1985 ist Sylvia mit ihrem britischen Mann Paul nach England ausgewandert. Am Hamburger Hafen habe ich so viele Tränen vergossen, dass mein Mann zu mir sagte: „Die haben doch schon genug Wasser unterm Kiel.“ In England kauften die beiden ein altes Bauernhaus und bauten es aus. Es ist ein schönes altes, typisch englisches Farmhouse aus rotem Klinker, und drumherum nur Felder. Nun leben auch zwei meiner Enkelkinder in England: Rebecca studiert Ingenieurwesen und will Architektin werden. Ihr Bruder Samuel studiert Fahrzeug-Ingenieurwesen. Sam hat auch schon ein Fahrzeug-Bauteil neu konzipiert, das seinem Betrieb viel Geld sparen wird. Dafür hat er eine große Auszeichnung bekommen. Darauf bin ich natürlich sehr stolz. Und seit März hat Sam auch ein kleines Baby, Lucie. Ich bin also auch schon Uroma. Meine anderen beiden Enkel leben in Berlin: Bastian hat sich bei Mac Donalds hochgearbeitet. Eigentlich wollte er Koch werden. Und Jonas macht eine Ausbildung in Charlottenburg und möchte einen sozialen Beruf ergreifen.

Wie bleibst Du mit Deinen Enkeln und Urenkeln in England in Kontakt?

Wir telefonieren regelmäßig über Facetime miteinander. Eigentlich liegt England ja ganz nah, aber durch Corona ist die Insel leider in sehr weite Ferne gerückt. Und dann kam auch noch der Brexit. Aber meine Enkel in England sprechen fließend Deutsch. Beccy ist wirklich eine halbe Deutsche. Sie möchte sogar in Berlin studieren. Als sie ihren deutschen Pass erhielt, wedelte sie vor Freude mit dem Dokument und rief: „Jetzt bin ich eine Deutsche!

Wie kommst Du bei Deinen Besuchen in England zurecht?

Mein Englisch ist so gut, dass ich nach dem Weg fragen kann und ich unterwegs auch nicht verhungre. Auf dem englischen Wochenmarkt wurde ich schon häufiger nach meiner Herkunft gefragt: „Oh Berlin..., da war ich vor dem Fall der Mauer als Soldat stationiert“, hörte ich schon manche sagen. Auch der anglikanische Pfarrer meiner Enkel spricht ein wenig Deutsch. So wurde ich bei meinen Besuchen in England immer sehr gut aufgenommen.

Was trägt dich im Leben?

Mein Glaube. Er kommt für mich in meinem Konfirmationsspruch gut zum Ausdruck. „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Offenbarung 2,10) Das war auch unser Trauspruch – und auch schon der Trauspruch meiner Eltern. Für mich bedeutet das: Dass wir zu Gott gehören, und das endet nicht mit dem Tod, sondern reicht weit darüber hinaus. Das ist die Krone des Lebens: Gottes Treue zu uns bleibt in Ewigkeit.

Was verbindet dich mit unserer Kirchengemeinde?

Ich freue mich jedes Mal, wenn die Glocken läuten. Vor allem am Sonnabend, wenn der Sonntag eingeläutet wird. Dann muss ich sogar die Balkontür aufmachen, damit ich das Geläut besser höre. Manchmal klingen die Glocken so voll, dass ich meine, es sind mehr. Aber es sind ja nur drei! Und im Sommer, wenn Kantor Christoph Ostendorf mit der Kantorei im Jacobi-Garten probt, dann höre ich den Gesang bis in meine Wohnung, das habe ich in diesem Corona-So

mmer bei gekipptem Fenster genossen. Mir gibt das viel Sicherheit! Das ist positiv und lebendig. Da ist Leben!

Liebe Hildegard, ich danke Dir für das Gespräch!

 

Pfarrer Christoph Heil